Erfolgsgeschichte statt Armutszuwanderung

Vor 15 Jahren kamen Rumänien und Bulgarien in die EU. Die Angst war groß vor einer „Einwanderung in die Sozialsysteme“. Heute zeigt sich: Der Gewinn für den Sozialstaat ist deutlich größer als die Probleme. Ein Faktencheck mit neuen Zahlen zum Jubiläum

Der EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens am 1. Januar 2007 war von Anfang an umstritten. Besonders heftig wurde die Debatte 2014, als auch die volle EU-Freizügigkeit für die Menschen aus beiden Ländern eingeführt wurde. Einige Überschriften von damals:

  • „Die Städte rüsten sich für die Armutszuwanderung“ (Link)
  • „Die Furcht vor Zuwanderern ins Sozialsystem wächst.“ (Link)
  • „Osteuropäer sitzen auf gepackten Koffern“ (Link)
  • „Fast 50 Prozent mehr Hartz-Bezieher aus Osteuropa“ (Link)
  • „Wer betrügt, der fliegt“ (Link)

Heute ist klar:  Die EU-Osterweiterung von 2007 ist eine Erfolgsgeschichte. Hunderttausende Beschäftigte sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt angekommen und besetzen hier wichtige Stellen. Deutschland habe wirtschaftlich erheblich profitiert von der EU-Osterweiterung und der Arbeitnehmer*innen-Freizügigkeit, sagt der Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Wie deutlich, das zeigen die folgenden Zahlen:

Kamen viele Osteuropäer nach Deutschland?

Ja, besonders aus Rumänien sind in den letzten Jahren viele Menschen nach Deutschland gekommen. Ende 2020 lebten rund 800.000 Menschen aus Rumänien hier und rund 390.000 Menschen aus Bulgarien (zum Vergleich: 2007 waren es insgesamt rund 130.000). Rumänien steht damit auf Platz 3 der häufigsten Herkunftsländer, nach der Türkei und Polen. In Kürze dürfte es auf Platz 2 rücken.

Ähnliche groß war der Zuwachs auf dem Arbeitsmarkt: In den letzten Jahren haben Hunderttausende Menschen aus Rumänien und Bulgarien in Deutschland einen Job gefunden. Im September 2021 arbeiteten rund 460.000 Menschen aus Rumänien sozialversicherungspflichtig in Deutschland, aus Bulgarien rund 170.000. Das sind rund drei Mal so viele wie 2014. Häufig arbeiten die Menschen in Hotels und Gaststätten, in der Landwirtschaft, in wirtschaftsnahen Diensten und auf dem Bau.QuelleBundesagentur für Arbeit (2021): Migrationsmonitor (November 2021), Link

Kann man von „Armutsmigration“ sprechen?

Nein, das trifft, wenn überhaupt, nur auf einen kleinen Teil zu. Stattdessen hat die EU-Freizügigkeit 2014 die Arbeitsmarktzugänge für Menschen aus Bulgarien und Rumänien verbessert. Viele kamen dadurch aus prekären Arbeitsverhältnissen in reguläre Jobs. Die BeschäftigungsquoteDefiniert als der Anteil der abhängig Beschäftigten an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 bis 65 Jahre) stieg bis September 2021 auf 67 Prozent (2014: 35 Prozent) – sie liegt damit fast gleichauf mit deutschen Bevölkerung (69 %) und höher als in den meisten anderen ausländischen Beschäftigten-Gruppen.

„Ein vergleichbar starker Anstieg der Beschäftigungsquoten wurde meines Wissens bislang in Deutschland in keiner anderen Bevölkerungsgruppe beobachtet, zumindest nicht in einem derart kurzen Zeitraum“, sagt Forscher Brücker. „Das ist ohne Zweifel ein großer Erfolg der Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit.“ Ein gutes Beispiel für die Entwicklung: Inzwischen arbeiten rund 5.000 rumänische Ärztinnen in Deutschland, mehr als aus jedem anderen EU-Land.


War es eine „Zuwanderung in die Sozialsysteme“?

Nein. Das zeigen die Zahlen eindeutig: 68.000 Arbeitslose im Vergleich zu 630.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus Rumänien und Bulgarien (September 2021). Die ArbeitslosenquoteHier gemessen als das Verhältnis der Arbeitslosen zu abhängig Beschäftigten und Arbeitslosen, nicht als das Verhältnis der Arbeitslosen zu Erwerbspersonen, weil Angaben zu den Selbständigen fehlen (9,3 %) liegt nur leicht über der Quote der Gesamtbevölkerung und niedriger als bei anderen ausländischen Beschäftigten (siehe Grafik). Obwohl fast eine Million Menschen zuwanderten, blieb die Arbeitslosenquote nahezu gleich. Die Beiträge zum Sozialsystem durch die Beschäftigten dürften die „Kosten“ zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit deutlich überwiegen.

Rumäninnen sind sogar häufiger in Beschäftigung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (72 zu 69 Prozent) und gleich häufig arbeitslos (6 Prozent). Menschen aus Bulgarien sind vergleichsweise schlechter integriert und häufiger arbeitslos (17 Prozent).

Und der Wohnort spielt eine wichtige Rolle: Die Migration von Menschen aus Bulgarien und Rumänien konzentrierte sich vor allem auf deutsche Großstädte (QuelleInstitut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (2013): Kurzbericht 6/2013 – Arbeitsmigration oder Armutsmigration?, Link). In wirtschaftsstarken Großstädten sind beide Gruppen selten arbeitslos. In ärmeren westdeutschen Großstädten wie Dortmund oder Duisburg aber sieht das anders aus. In der Breite bestimmen inzwischen die gut integrierten Rumäninnen und teils gut integrierten Bulgarinnen das Bild.

Fazit: „Der Sozialstaat dürfte erheblich profitiert haben“

Das Fazit aus Sicht der Forschung ist eindeutig: „Aus ökonomischer Perspektive war die Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit für die Bulgaren und Rumänen ein großer Erfolg“, so Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker. Der Sozialstaat dürfte erheblich profitiert haben. Ein Grund: Viele Zuwanderer werden Deutschland im Alter wieder verlassen. Dann können sie zwar ihre Rente teilweise ins Ausland bekommen. Aber die Sozialsysteme sparten Ausgaben bei Kranken- und Pflegeversicherung, weil die Menschen nicht im Land leben. Das dürfte zu „erheblichen Gewinnen“ für die Sozialsysteme führen.

Quelle: Mediendienst Integration

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