Die digitale Lawine

Fünf Milliarden Euro will die Bundesregierung in die digitale Technik an Schulen investieren. Aber stabiles Wlan und schnelle Rechner sind nur der Anfang. Die Lehrer müssen auch bereit sein, von den Schülern zu lernen.

Artikel in der Süddeutschen Zeitung,  Beitrag im Deutschlandfunk / Oktober 2016

Die wenigsten Fünftklässler haben schon eine echte Schneelawine gesehen. Und doch sitzen in der Geografiestunde am Otto-Nagel-Gymnasium im Berliner Stadtteil Marzahn lauter Lawinenexperten. „Die sind so gefährlich, weil so viel Schnee von hinten nachrutscht“, sagt ein Schüler. Mit Tischtennisbällen demonstriert der Lehrer die Kettenreaktion, durch die eine Lawine auf dem Weg nach unten wächst, anschließend schauen alle Lawinen-Videos auf Youtube. „Die hier ist ungefähr 400 Meter lang“, schätzt ein Mädchen, „das sehe ich an den Bäumen, die sie mitreißt.“ Die größten Lawinen tragen die Schüler dann noch auf einer virtuellen Weltkarte ein.

So spannend und anschaulich kann digitaler Unterricht sein. Um der innovativen Methode zum Durchbruch zu verhelfen, will die Bundesregierung fünf Milliarden Euro investieren. Das erklärte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) vergangene Woche in Berlin. Bis 2021 möchte sie alle Schulen mit schnellem Internet, Wlan und Computern versorgen. Im Gegenzug sollen sich die Bundesländer verpflichten, ihre Lehrer weiterzubilden.

Ändern muss sich eigentlich alles

In dem mehr als 100 Jahre alten Schulgebäude des Otto-Nagel-Gymnasiums ist Wankas Zukunftsvision schon Alltag. Jeder Schüler bringt morgens seinen eigenen Laptop mit, Smartphones sind im Unterricht erlaubt. Und die Schüler unterrichten regelmäßig die Lehrer, damit diese die digitalen Geräte noch besser nutzen können. Dass nun Milliarden in digitale Bildung fließen sollen, hört man hier gern.

Aber die neue Technik allein verändere noch nichts, sagt Schulleiter Lutz Seele. Der Unterricht müsse sich ändern, das Miteinander von Schülern und Lehrern, eigentlich alles, sagt er. „Ich finde die neue Initiative gut und richtig, aber ich frage mich, ob fünf Milliarden Euro bei 40 000 Schulen ausreichen.“ Seele weiß, dass man die Kosten nicht unterschätzen darf. Laptops für alle Schüler wurden an seiner Schule bereits 2009 eingeführt, seit 2012 gibt es ein Wlan-Netzwerk für alle Schüler und Lehrer. Schon zwei Jahre später mussten die Wlan-Geräte ausgetauscht werden. So schnell veralte die Technik in diesem Bereich.

Finanziert wurden die Neuerungen vor allem von den Eltern. Sie haben die Laptops ihrer Kinder bezahlt und über den Lernmittelverein in den letzten Jahren Zehntausende Euro in das Wlan-Netz der Schule gesteckt. Wer sich das nicht leisten kann, bekommt vom Verein kostenfrei ein Gerät geliehen, erklärt Schulleiter Seele. Vom Land Berlin erhalte die Schule nicht mehr Unterstützung als andere Schulen auch. Die Eltern sind hier also besonders engagiert. Aber was macht die Schule darüber hinaus so erfolgreich?

Hier bilden die Schüler die Lehrer weiter

Schulleiter Seele erklärt das am Beispiel von Kuchen. Genauer gesagt von „Mathe-Kuchen“. Er habe das bei einer Weiterbildung vor einigen Jahren gelernt. Am Otto-Nagel-Gymnasium bilden die Schüler regelmäßig ihre Lehrer weiter. Auf diese Weise erfuhr Seele, wie man mit einer einfachen Software ein eigenes Lehrbuch erstellt. In seiner nächsten Mathestunde habe er dann mit einem Backbuch begonnen. Seitdem backen seine Schüler in Mathe „Wurzelkuchen“: Sie kalkulieren die verschiedenen Zutatenmengen für die Rezepte. Anschließend fotografiert sich der ganze Kurs beim Kuchenessen. Daraus entsteht später ein eigenes Kurslehrbuch. Eine gute Finanzierung sei wichtig, sagt Schulleiter Seele, „aber man muss auch bereit sein, von seinen Schülern zu lernen.“

Seit 2013 bilden Schüler des Otto-Nagel-Gymnasiums regelmäßig ihre Lehrer aus. Sie schulen sie im Umgang mit dem Rechner, zeigen ihnen unterschiedliche Programme und wie man auf der Website des Gymnasiums bloggen kann. „Für uns war das am Anfang auch ungewohnt“, sagt Pascal Schulz, der als Schüler eigene Weiterbildungen geleitet hat. „Wir hatten genauso viel Angst wie ein Lehrer, der zum ersten Mal vor einer Klasse steht“, erinnert er sich. Inzwischen sei das aber für ihn Routine. Die Zusammenarbeit klappe gut, so Schulz. Auch außerhalb der Weiterbildungen fragten die Lehrer inzwischen bei Schülern nach – wenn sie mal wieder mit ihren Computern nicht zurechtkämen.

Die freiwillige Arbeit der Schüler kompensiert ein wenig, dass die Schule nie einen eigenen Netzwerkbetreuer hatte. Eine solche Vollzeitstelle bezahlt das Land Berlin erst ab 850 Schülern. Das Gymnasium liegt knapp unter dieser Grenze. Mit ihren Weiterbildungen und ihrer Technikkenntnis sorgen also auch die Schüler dafür, dass der digitale Unterricht an dieser Schule gelingen kann. Dafür kam ihnen der Schulleiter bei einem anderen Thema weit entgegen: bei ihren Handys.

„Wir können sie nicht verbieten“, sagt Schulleiter Seele. Das sieht man auch in der Pause. Manche Schüler spielen per Smartphone gemeinsam auf ihrem virtuellen Bauernhof, obwohl die Schulregeln eigentlich keine Computerspiele erlauben. Das könne man nicht komplett unterbinden, sagt Schulleiter Seele. Statt sich bei dem Versuch zu verkämpfen, empfiehlt er, die vorhandene Technik lieber in den Unterricht einzubeziehen.

Deshalb dürfen seine Schüler ihre Smartphones in der Schule benutzen, sogar während des Unterrichts. „Und in der Oberstufe entscheiden sie dann auch selbst, wie sie ihre Aufgaben lösen wollen“, erklärt Seele, „ob sie dafür mit dem Schulbuch, dem Laptop, dem Smartphone oder mit Mitschülern arbeiten wollen.“ Diese Freiheit zur Eigenverantwortung sei das Entscheidende an der ganzen Sache, betont er. Der Unterricht sei offener geworden, alle Lehrer hätten ihre pädagogischen Konzepte neu entwickelt und angepasst.

Das Feedback der Schüler bestätigt ihn auf seinem Weg. „Sie sagen mir oft: Wir lernen durch die neue Technik nicht mehr als früher, aber es macht uns mehr Spaß.“ De facto würden sie aber doch mehr lernen, sagt Seele. Seine Schule in Marzahn gehört inzwischen zu den zehn besten Berlins. „Das war im Jahr 2008 noch nicht so.“

Auch das digitale Abitur müsste möglich sein

Damit solche Beispiele häufiger gelingen können, will das Bundesministerium in Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut auch ein Projekt zur „Schul-Cloud“ fördern. Geplant ist, Hard- und Software in einem Verbund vieler Schulen zentral zu betreiben, sodass in den Klassenzimmern nur noch Tastaturen und Monitore stehen müssen. Eigene Rechner wird dann kein Schüler mehr brauchen. Schulleiter Seele weist darauf hin, dass aber auch weniger spektakuläre Neuerungen notwendig sind: Die Lehrpläne müssten modernisiert werden, und Schüler sollten im Abitur auch digitale Prüfungen ablegen dürfen.

Pascal Schulz hat sein Abitur bereits in der Tasche. Inzwischen studiert er Informatik. Für ihn war neben der modernen Ausstattung seiner Schule vor allem die offene Atmosphäre ein Gewinn: Dass es dort für Lehrer normal sei, Schüler um Hilfe zu bitten. Zum Beispiel, wenn sie mal wieder vor dem Smartboard stünden und nicht weiterwüssten. „Da muss man sich ja nicht schämen“, sagt Pascal Schulz. Im Gegenteil: Die neue Technik habe ein neues Gefühl von Zusammengehörigkeit geschaffen: „Wenn die Schüler helfen können“, erklärt er, „dann verbindet das ja auch Schüler und Lehrer.“

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