Graffiti in der Favela Metro mit Kritik an der Fifa

Brasilien im Schatten von Olympia

Vor vier Jahren berichtete ich für die Taz aus Rio de Janeiro über die Favela „Vila Autódromo“. Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele 2016 ist der Traum der Bewohner zerplatzt: Die Favela gibt es nicht mehr. Erschienen auf Fluter.de, Juni 2016

Die Wolken hängen tief an diesem Februarmorgen. Um sieben Uhr früh klingelt das Handy von Altair Guimarães. Mit Freunden hat er in den letzten Tagen Karneval gefeiert. Er braucht eine Weile, bis er versteht, warum sein Nachbar ihn anruft: Altair, sie reißen dein Haus ab.

Zwischen Abrissbaggern und Staubwolken stehen Feuerwehrleute und Polizisten in Kampfmonturen. Als Altair ankommt, ist von seinem Zuhause kaum noch etwas übrig. Einige Journalisten sind gekommen, um zu berichten: Wieder ist ein Stück der Favela zerstört, deren Bewohner sich so lang gegen Olympia gewehrt haben. Der 62-jährige Altair ist Präsident der Bewohnervereinigung. Auch vor seinem Haus machen die Bagger nicht halt. Zornig steht er vor den Journalisten: “Hier geht es nicht um Olympia. Wir sollen Platz machen für die großen Immobilienunternehmen.“

Zum dritten Mal zerstört die Stadt Altairs Haus

Die Favela Vila Autódromo ist in den letzten Jahren zum Symbol geworden für den wachsenden Widerstand gegen Olympia. Sie wird abgerissen, weil hier bis August der neue Olympiapark entsteht – mit mehreren Sportstadien und einem Medienzentrum für Journalisten. Besonders unglaublich ist die Geschichte von Altair Guimarães: Schon zum dritten Mal zerstört die Stadt sein Haus, um Platz zu machen für ein Großprojekt.

Die Reste von Altairs Haus liegen am Rand einer Großbaustelle. Bagger und LKWs fahren vorbei. Staubwolken wirbeln auf. Zwischen halb abgerissenen Häusern liegen Schuttberge. Von der ursprünglichen Favela ist kaum noch etwas zu erkennen. Früher wohnten hier einmal 800 Familien, heute sind es noch 25. Im staubigen Fußballtrikot berichtet Altair von den letzten Jahren der Vila Autódromo. Etwas heiser schreit er gegen den Baulärm an: „Beim letzten Mal war es hier gemütlicher, was?“

Das letzte Mal, das war 2012: Damals empfing Altair noch jeden Besucher am Eingang der Favela. Die meisten waren überrascht. Klein wie ein Fischerdorf lag sie am Rand einer Lagune. Zweistöckige Häuser reihten sich ordentlich entlang von breiten, schattigen Straßen, dazwischen Vorgärten und Garagen. Nicht zu vergleichen mit dem chaotischen Durcheinander, das viele bei einer Favela erwarten würden.

Unter großen Mangrovenbäumen saßen die Bewohner damals vor ihren Werkstätten und kleinen Läden. Ihr Präsident erzählte jedem persönlich, wenn es Neuigkeiten gab. Im Haus der Bewohnervereinigung zeigte Altair stolz auf die Fußballpokale und auf die Gerichtsurteile. Aus dicken Ordnern holte er die vergilbten Dokumente, die beweisen sollten, dass die Bewohner ein Recht hatten, hier zu bleiben.

„Wir leben doch nicht mehr in Zeiten der Diktatur, wo sie dein Haus einfach abreißen konnten“, war sich Altair damals sicher. Er sprach aus Erfahrung: Als er 14 Jahre alt war, wurde seine Favela umgesiedelt, gut zwanzig Jahre später wurde sein Haus für eine Autobahn abgerissen. Und nun also Olympia.

Olympia nur noch in Diktaturen?

Als Brasilien 2009 den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Spiele bekam, waren es noch andere Zeiten dort. Das Land boomte, die Brasilianer waren stolz, dass gleich zwei Großereignisse in ihrer Heimat stattfinden würden. Die Wende kam 2013. Zum ersten Mal überhaupt protestierten damals Millionen Menschen im Vorfeld einer Fußball-WM. Anlass war der Confederation Cup in Brasilien, ein Vorbereitungs-Turnier für die im Jahr darauf folgende Fußball-WM. Die Fifa hatte plötzlich ein Image-Problem und Brasiliens Politik gelobte Besserung.

Nach den Protesten von 2013 beschloss die Fifa, dass bei künftigen WM-Vergaben auch Menschenrechte eine Rolle spielen sollten. Auch das Internationale Olympische Komitee IOC will in Zukunft stärker auf Menschenrechte, faire Arbeitsbedingungen und Korruptionsbekämpfung achten. Für Brasilien kommt das zwar zu spät, aber dennoch wurden die Proteste der Vila Autódromo von diesen Entwicklungen beflügelt.

Die Bewohner veröffentlichten zusammen mit mehreren Universitäten einen eigenen Plan, wie es mit der Favela weitergehen könne. Diesem Plan zufolge hätten die meisten Bewohner bleiben können, auch mit dem neuen Olympiapark. Etwa vier Millionen Euro sollten die Baumaßnahmen kosten. Die Stadt versprach, den Alternativplan zu prüfen.

Auch Altair hat das Angebot der Stadt akzeptiert

Inzwischen ist von dieser Zusage keine Rede mehr. Die meisten Bewohner haben die Vila Autódromo verlassen. Auch das Haus der Bewohnervereinigung haben die Bagger inzwischen abgerissen. „Ich habe das kommen sehen“, sagt Altair. Der Widerstand bröckelte, als die Stadt 2014 begann, hohe Entschädigungen anzubieten und gleichzeitig einzelne Häuser abzureißen. Mehr als 25 Millionen Euro hat sie inzwischen an etwa 120 Familien ausbezahlt. Die übrigen erhielten Ersatzwohnungen. Die Verlockung war für viele zu groß. Auch Altair hat inzwischen ein Entschädigung erhalten.

Warum investiert Rio de Janeiro lieber Geld in Umsiedlungen als in Sanierungen? Die eigentlichen „Hauptnutznießer“ seien die großen Bauunternehmen, sagt Dawid Danilo Bartelt. Er leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio. Nach dem Ende der Olympischen Spiele 2016 werden die selben Bauunternehmen, die den Olympiapark errichtet haben, das Gelände weiter betreiben. Sie werden dort luxuriöse Wohnanlagen bauen, wie sie in den letzten Jahren reihenweise entstanden sind in der Nachbarschaft der Vila Autódromo. Gegenüber steht das „Origami“, nebenan das „Quality Green“. Mit ihrer Umsiedlungspolitik zu Olympia hat die Stadt ihnen nun den Weg geebnet.

Vergeblich war der Protest der Bewohner trotzdem nicht: Zwanzig Familien dürfen bleiben und erhalten von der Stadt neue Häuser. Mit einigen Bewohnern hat die Stadt vergleichsweise hohe Entschädigungen ausgehandelt und so ihre Rechte zumindest teilweise anerkannt. Viele der ehemaligen Bewohner wohnen inzwischen in einer neuen Wohnanlage in der Nähe. Auch das ist eher die Ausnahme. In anderen Favelas, die für Olympia weichen mussten, landeten die Bewohner in Sozialwohnungen am äußersten Rand der Stadt.

Die Bauarbeiter haben inzwischen Feierabend. Altair Guimarães steht auf den Trümmern seines alten Hauses. Auch er ist überzeugt, dass die Vila Autódromo nicht für etwas geopfert wurde, was der Stadt langfristig nutzen könnte. „Ich bin nicht gegen Sport und auch nicht gegen die Spiele. Aber müssen wir wirklich mit unseren Häusern dafür bezahlen, in denen wir jahrelang gewohnt  haben? Für Olympische Spiele, die nach 16 Tagen wieder vorbei sind?“

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