Keine Willkommenskultur für Lehrer

gesendet auf: Deutschlandfunk, November 2014

Seit zwei Jahren spricht die Politik in Deutschland von einer neuen „Willkommenskultur“. Es soll keiner mehr Taxifahren müssen, der als hoch qualifizierter Zuwanderer nach Deutschland kommt oder schon seit Jahren hier lebt. Seit diesem Jahr haben alle Bundesländer ihre Anerkennungsgesetze, mit denen eine Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen garantiert werden soll, eigentlich auch für Lehrer.

Krankenschwestern ja, Lehrer nein

„Wir freuen uns über jeden, der hier in Berlin motiviert und tatenfroh unsere Kinder mitbilden möchte,“ sagt Beate Stoffers, die Senatssprecherin für Bildung in Berlin, „aber er muss natürlich die Qualität des Berliner Lehramts erfüllen.“

Doch für die Lehrer in Berlin hat sich nichts geändert. Hier, wie auch in den meisten anderen Bundesländern, werden sie von den neuen Fachkräfte-Regelungen ausgeschlossen. Zwar werden Jugendliche mit Migrationshintergrund gezielt für pädagogische Berufe angeworben, doch Migranten haben es hier immer noch schwer. „Trotzdem erklärt es jetzt nicht, warum wir in den vergangenen Jahren immer nur zehn Prozent, also unter zehn Prozent der Antragssteller hatten, die dann auch eine Gleichstellung mit dem Berliner Lehramt bekommen haben“, sagt Stoffers.

Von 500 ausländischen Lehrer, die einen Antrag auf Anerkennung stellen, bekommen in Berlin pro Jahr nur etwa fünf Prozent eine vollständige Anerkennung, noch mal fünf Prozent machen eine Weiterbildung. Was ist mit den übrigen 90 Prozent?

„Wenn es nur fünf Ablehnungen gibt, dann hat das nichts mit dem Verfahren hier zu tun, sondern das hat mit persönlichen Entscheidungen des Antragsstellers zu tun.“

Der Senat schiebt den schwarzen Peter also den Antragsstellern zu. Ein Beispiel für die verquere Situation in Berlin ist Zeynep Arslan. Sie hat sich zweimal vergeblich um eine vollständige Anerkennung bemüht. Inzwischen arbeitet sie an einer staatlichen Europaschule.

„Ich bin jetzt seit sieben Jahren an dieser Schule, mein Mann ist seit vierzehn Jahren an dieser Schule. Wir sind noch nicht Lehrer, also anerkannt als Lehrer. Das ist natürlich Hammer. Das tut weh.“

Zeynep Arslan kommt aus der Türkei. Weil ihr Berufserfahrung und ein zweites Fach fehlten, wurde sie in Deutschland nicht als Lehrerin anerkannt. Fünf Jahre lang unterrichtete sie deshalb als Honorarkraft. Dann bekam sie einen Job an der Europaschule und unterrichtet seitdem auf Türkisch und mit einem niedrigeren Gehalt. „Ja, ich finde, was solche politische Lösungen angeht, hab ich das Gefühl, die wollen das nicht.“

„Dequalifizierung“ oder auch „Gehirn-Verschwendung“

Es geht bei der Anerkennung ausländischer Lehrer nicht nur um heutige Zuwanderer. Viele Lehrer leben seit Jahren in Deutschland, ohne ihre Ausbildung anerkannt zu bekommen. Dann arbeiten sie entweder als schlechter bezahlte Lehrer oder sie wechseln ihren Beruf. Dequalifizierung nennt man so etwas oder „brain waste“ – Gehirn-Verschwendung. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Hamburg. Der Stadtstaat ist das einzige Bundesland, in dem es ausländischen Lehrern bisher erleichtert wurde, wieder in ihren Beruf einzusteigen. Dabei ist der Lehrermangel in Hamburg viel geringer als in Berlin. Maren Knebel-Pasinski leitet in Hamburg den Bereich Anerkennung.

„Es ist nicht das Ansinnen, wir machen das, damit wir mehr Lehrer kriegen. Einen Mangel an Lehrern an sich haben wir nicht. In erster Linie machen wir das, weil diese Menschen ein Recht darauf haben, dass sie ihre Ausbildung anerkannt bekommen.“ Mit Erfolg. Während in Berlin nur etwa 10 Prozent der Antragssteller eine Anerkennung als Lehrer bekommen oder eine Weiterbildung, sind es in Hamburg inzwischen 90 Prozent. So wie Nurten Kublay, sie ist Lehrerin an einer Hamburger Grundschule.

„Die sollen nicht aufgeben“

„Bei mir war’s wie Treppensteigen. Zuerst war ich sogar Nachhilfelehrerin, Honorarkraft, Angestellte und jetzt Beamte. Hmhm, sieben Jahre.“ Als sie aus der Türkei nach Deutschland kam, hieß es, sie könne hier nicht als Lehrerin arbeiten. Mit viel Ehrgeiz kämpfte sie sich zurück in ihren Beruf. 2012 bekam sie die volle Anerkennung. Seit zwei Monaten ist sie jetzt verbeamtet. „Ich würde gern den Kollegen sagen, die vielleicht noch in der Phase der Anerkennung sind, die sollen nicht aufgeben. Das wünsche ich allen.“

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