Foto: Justinc / Wiki-Commons

Die MOOCs kommen

Erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 29.04.2013

Ein Ingenieur in Ägypten, eine Kolumbianerin in Berlin und eine Studentin in Brasilien. Sie alle sitzen im selben Seminar, gehalten vom Stararchitekten Daniel Libeskind

Ein Ingenieur aus Ägypten blickt auf einer staubigen Straße kurz auf sein Smartphone. Er ist gespannt, was die Anderen von seinen Beitrag im Seminar halten. Eine Kolumbianerin in Berlin schaut das Video, das der Ingenieur empfohlen hat, während ihre Tochter neben ihr Mittagsschlaf macht. Eine indische Architektin liest nach der Mittagspause lieber nur den ausführlichen Kommentar, den ihre Mitstudentin aus Brasilien eben zu dem Video gepostet hat. Und sie alle sind im selben Seminar einer deutschen Universität, einem MOOC.

Die Abkürzung steht für Massive Open Online Course, ein Universitätskurs, der von mehreren tausend Teilnehmern über das Internet kostenlos und ohne Zugangsvoraussetzungen besucht werden kann. Die Moocs sind eine Erfindung amerikanischer Spitzenuniversitäten und ihre Welle erreicht im Moment auch die deutschen Hochschulen. Sie könnten das Hochschulwesen, wie wir es kennen, revolutionieren und vielleicht nicht die Universitäten, aber doch die Vorlesungen fortspülen. Manche sehen in Moocs die Chance auf mehr globale Bildungsgerechtigkeit, die Erfüllung des Versprechens von E-Learning. Kurz: Sie sind das nächste große Ding.

Das nächste große Ding? Wirklich?

Diese Hoffnungen sind nicht ganz unberechtigt. Allerdings bestehen die Moocs im Moment noch viel zu häufig aus abgefilmten Vorlesungen, sie sind PR-Aktionen für Spitzenuniversitäten. Vor allem sind sie viel zu oft Baustellen, auf denen noch nicht alles funktioniert.

Was steckt also dahinter? Was ist der Unterschied zu den Online-Vorlesungen und den Lernplattformen, die deutsche Studierende längst ganz selbstverständlich nutzen? Einer der ersten Mooc-Kurse in Deutschland ist der „Think Tank Cities“ – Mooc der Leuphana Universität in Lüneburg. Wer sich dort fristgerecht eingeschrieben hat, erhält Zugang zu einer sehr klar strukturierten, englischsprachigen Internetseite, auf der Videos, Texte und Kommentare abrufbar sind. Ziel ist es, gemeinsame Modelle für eine Stadt der Zukunft zu entwickeln. 3000 Teilnehmer sind am Anfang dabei, aus mehr als 90 Ländern. Die erste Aufgabe löst man in einem Team mit automatisch generierten Teampartnern. Ab der zweiten Aufgabe kann man sich seine vier Partner selbst aussuchen.

Moocs entstanden zuerst in den Vereinigten Staaten. Es gab die simplen Erklärvideos, die Universitätsprofessoren seit Jahren ins Internet stellten und die Millionen von Zuschauern erreichten. Aber es fehlte die Interaktivität mit den Studierenden und die Möglichkeit, sich aus solchen Videos ein richtiges Studium zusammenzusetzen. Von der Stanford-Universität ging dann im vergangenen Jahr die Initiative aus, Privatfirmen zu gründen, die Universitäten dabei helfen sollen, ihre Kurse ins Internet zu bringen. Daraus entstand zum Beispiel die private Bildungsplattform Coursera, die inzwischen 62 Partner-Universitäten weltweit vereinigt. Seit Januar können sich amerikanische Studenten einige Coursera-Kurse an ihren Universitäten anrechnen lassen. Privatfirmen wittern Milliardengewinne in dieser Möglichkeit der teilweisen Privatisierung von staatlichen Bildungsangeboten, zum Beispiel durch Lizenzgebühren für Universitäten oder kostenpflichtige Zusatzangebote für die Nutzer. Andere Anbieter sind zum Beispiel Udacity oder Edx, das nicht-kommerziell arbeitet. Es gibt auch schon Suchmaschinen für Moocs, zum Beispiel die Seite Class Central.

Was ist also das Besondere an solchen Moocs? Moocs sind vor allem interaktiv, bei Udacity etwa füllt man nach jeder kurzen Lektion eine kleine Ankreuz-Aufgabe aus, bevor der Film weiterläuft.

Diese Quizform eignet sich besonders gut bei mathematischen oder technischen Themen. Im geisteswissenschaftlichen Bereich, wie zum Beispiel beim „Think Tank Cities“-Mooc geht es eher darum, kollaborativ komplexe Fragestellungen zu lösen und im Team einen gemeinsamen Essay zu schreiben. Da kein Professor die Zeit hat, tausende Lösungsvorschläge zu kontrollieren, arbeitet man im Moment daran, dieses Feedback zu automatisieren. Bei einem Quiz ist das einfach, aber auch für Essays gibt es inzwischen bereits Programme, die mittels künstlicher Intelligenz komplexe Texte bewerten können. In manchen Moocs bewerten sich die Teilnehmer auch einfach gegenseitig.

In Deutschland bietet bisher das Hasso-Plattner-Institut aus Potsdam kostenlose Informatik-Kurse an, die Ludwig-Maximilians-Universität und die Technische Universität aus München nehmen seit Kurzem teil an der Plattform von Coursera. Um diese Entwicklung noch zu beschleunigen, hat der Stifterverband der deutschen Wissenschaft einen Mooc-Entwicklungswettbewerb ins Leben gerufen und will 250 000 Euro an zehn neuartige Projekte vergeben.

„Geld sparen lässt sich mit Moocs nicht“

An „Think Tank Cities“ arbeiteten mehr als 60 Mitarbeiter der Universität Lüneburg mit, um den technischen Ablauf und die inhaltlichen Rückmeldungen abzusichern. „Geld sparen lässt sich mit Moocs nicht“, sagt deshalb Holm Keller, der Vizepräsident der Leuphana Universität in Lüneburg.

Viele Universitäten denken bei Moocs aber vermutlich genau daran: an Kosteneinsparungen und das Ende von überfüllten Hörsälen. Eine Vorlesung, die einmal als Mooc produziert sei, könne ja von den Studierenden der kommenden Semester bequem zu Hause absolviert werden. Bei dem Pilotprojekt der Leuphana sei es aber darum gegangen, eine neue Didaktik für das Internet zu entwickeln, deren Hauptbestandteil eben das Lernen im Team mit enger Betreuung gewesen sei. Ein Konzept, das der deutsche Wissenschaftsrat sicher begrüßen würde. In einer Erklärung zu den Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems aus der vergangenen Woche wurde auf die Wichtigkeit der Moocs hingewiesen und darauf, dass sie „die Kultur des Lernens und Lehrens grundlegend verändern werden“.

Dies sei aber eben nur der Fall, wenn die Universitäten sich auf neue Unterrichtsmodelle einließen, sagt auch Jörn Loviscach, Professor an der Fachhochschule Bielefeld und seit Jahren mit elektronischer Lehre erfolgreich. Das klassische Unterrichtsmodell der Vorlesung könne etwa durch online-gestützte Seminare ersetzt werden. Die Inhalte der Vorlesung hätten sich die Studierenden dann schon zu Hause angeeignet, das Seminar sei für die Fragen und Anmerkungen der Studierenden an den Professor da – ein umgedrehter Klassenraum sozusagen.

Am vergangenen Samstag mussten die letzten Aufgaben im „Think Tank Cities“ – Mooc eingereicht werden. Etwa 300 Studierende dürften am Ende alle Aufgaben erfolgreich bewältigt haben. Die ideale Stadt sah in vielen Entwürfen grün, sozial und fortschrittlich aus. Die Ideen waren vielfältig, einige planten schwimmende Stadtviertel oder wie ihre Stadt riechen solle. Der ägyptische Ingenieur war begeistert von der Möglichkeit, kostenlos im Ausland zu studieren. Eine deutsche Architektin lobte den neuen Weg sich weiterzubilden. Es gibt, bei allen Problemen, viele gute Gründe für Moocs. Oder wie Jörn Loviscach sagt:„Sie wollen die Welt unterrichten? Das ist doch ein guter Grund.“

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